"Potsdamer Neueste Nachrichten" vom 30.07.2003
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„Das
Haus hat sich für mich aufgehoben“ |
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Für
Sabine Kauker stand schon als 5-Jährige fest, dass sie in seine Fußstapfen
treten und Kirchenglasmalerin werden würde. Oder aber Tänzerin. Die
Mutter, ebenfalls Kirchenglasmalerin, nahm die Tochter schließlich in
die Lehre. Arbeit gab es massig, vor allem als der Auftrag zur
Bleiverglasung des wieder aufgebauten Roten Rathauses in Berlin kam.
„Oft habe ich bis morgens um 3 Uhr gearbeitet und mich mit
Begeisterung in die Handschriften der verschiedenen Künstler eingefühlt.
Doch dann wollte ich meine eigenen Ideen ausleben und selber
entwerfen.“ Dann
kam der 13. August … Sabine Kauker ging zur Meisterschule für Kunsthandwerk nach Charlottenburg und studierte Angewandte Malerei. Im Sommer 1961 hatte sie die Vorprüfungen bestanden und genoss zu Hause die Ferien. Dann kam der 13. August und damit das Aus für ihr Studium. „Ich hätte zwar noch ohne große Schwierigkeiten in den Westen gehen können, aber mein Platz war in meinem Elternhaus. Dennoch wuchs der Revoluzzer in mir und begeistert half ich meinen Kommilitonen aus dem Osten, nach Westberlin zu gelangen. Ich organisierte Treffs und baute Verbindungen auf. Die Grafikklasse der Kunstschule fälschte die Stempel und so hatten wir als ,Schleuserbande' relativ leichtes Spiel." Auch um den Tunnelbau wusste sie bestens Bescheid, nicht zuletzt durch ihren Freund, der ebenfalls seinen Freiheitsdrang auslebte. „Wir waren sehr blauäugig und völlig überrascht, uns nach dem Auffliegen unseres Unternehmens im Stasiknast in der Potsdamer Lindenstraße wiederzufinden. Die Untersuchungshaft war barbarisch. Es gab keine Toiletten, nur Kübel, oft musste ich aus einem Hundenapf essen.“ Bis zu 16 Stunden wurde sie verhört. „Sechs Wochen verbrachte ich in Einzelhaft. Ich dachte, ich drehe durch. Mein Körper reagierte nicht mehr, wie er sollte, ich hatte einen seelischen Schock. Um nicht völlig zusammen zu brechen, lief ich jeden Tag in meiner vier Meter langen Zelle 13 Kilometer auf Tempo. Als ich nach einem Vierteljahr in die Küche durfte, um abzuwaschen und Möhren zu putzen, wurde vieles erträglicher.“ Verurteilt zu vier Jahren Zuchthaus, kam sie nach Hohenschönhausen. „Zum Glück zu den politischen Häftlingen und nicht zu den kriminellen. Mein Verlobter war im gleichen Knast, und wir gaben uns Signale. Das machte alles etwas leichter. Auch so zeigte sich dieses Gefängnis nicht ganz so schlimm wie das Potsdamer. Ich landete in der Großküche für Offiziere und hatte dadurch besseres Essen.“ Um ihr künstlerisches Verlangen trotz der Mauern auszuleben, bemalte sie alte Pappschachteln und Marmeladeneimer. Die Offiziere erkannten wohl ihr Talent und räumten ihr eine Gemüsekammer leer. Dort hatte sie nun ein eigenes Reich und malte für deren Jagdhütten. „Auf Plakaten stellte ich auch die Etappen der Friedensfahrt grafisch dar und malte Ulbricht-Bilder nach Fotos. So war ich zugleich Kaltmamsell und Malerin und fühlte mich dabei recht wohl. Schon als junger Mensch sah ich immer alles positiv.“ Nur, dass die Mutter Zuhause in ihrer Arbeit fast erstickte, denn ihre drei jungen Gehilfen waren allesamt politische Häftlinge, machte der Tochter zu schaffen. Als die Mutter den Auftrag bekam, die Womacka-“Bauchbinde" am Haus der Lehrer in Berlin zu gestalten, beantragte die inhaftierte Tochter, diese Werkstücke ins Gefängnis zu bekommen. Die Amnestie zum 15. Jahrestag der DDR kam der Entscheidung zuvor. Ihr Freund kam ein Jahr später raus, und es wurde geheiratet. Erneut standen sie gemeinsam an der Werkbank. Die Ehe hielt indes nicht lange, auf Sabine Kauker wartete eine neue Liebe. Wieder war es ein Maler, mit dem sie die Arbeit teilen konnte. Neben der Kirchenglasmalerei kaprizierten sie sich auf die japanische Lackmalerei. Dann kam die Tochter, und ihr Haus in Berlin wurde zu eng. Als sie 1976 die fast 100-jährige Villa eines ehemaligen Ziegeleibesitzers in Paretz entdeckten, die bereits vier Jahre leer stand, war sofort klar: Das Haus oder keines. In ihren ersten Paretzer Jahren zogen die beiden Kaukers oft über Land, um Mosaike und Altäre zu restaurieren. „Doch dieses Zigeunerleben ist nichts, wenn man Familie hat.“ Aber eine neue Geschäftsidee zog ein: „Wir fertigten Schweizer Kabinettscheiben, die man vor die Fenster hängen konnte.“ Da die DDR ein Schlaraffenland für Kunsthandwerker war, florierte ihr Geschäft bestens. Ja, es stellte sich ein Traumerfolg ein: Sabine Kauker erhielt den Auftrag, für das Schauspielhaus am Platz der Akademie Berlin die Wandelgänge im Schinkelschen Stil zu gestalten. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. In der Familie gab es einen tiefen Einbruch, der zur Trennung von ihrem Mann führte. Doch über diese dunkle Zeit möchte Sabine Kauker nicht erzählen. Sie verließ Paretz und fand bei einer Freundin in Erkner Unterschlupf. „Es begannen meine Lehr- und Wanderjahre, die sich über sieben Jahre hinziehen sollten.“ Im Fürstenwalder Atelier von Friedrich Stachat, zu dem sie täglich pendelte, war ihre erste Station und ihre erste Begegnung mit Keramik. „Anfangs wusste ich mit dem Material nichts anzufangen, bis ich einen Klumpen Ton in die Hand nahm und ihn in eine freie Form brachte. Dann begann das Bemalen mit noch viel zu schwerer Hand. Aber das Gefühl wuchs und damit die Freude. Ich begann wieder nach oben zu gucken.“ Nun holte sie auch ihre Tochter, die sie so sehr brauchte, zu sich - vorerst noch in die Wohnung der Freundin. Der nächste Lehrmeister war der Baukeramiker Christian Uhlig. Er formte nach ihren Entwürfen große Vasen, die sie bemalte. „Ich entwickelte die größte Leichtigkeit.“ Vier dieser mit floralem Dekor geschmückten Kostbarkeiten stehen heute auf ihrem Paretzer Kamin, und haben so manche Odyssee miterlebt. Schließlich hatte Sabine Kauker das Geld zusammen, um sich mit ihrer Tochter und dem Windhund als treuen Gefährten eine eigene kleine Wohnung zu nehmen. Nicht nur die Arbeit machte Spaß, auch die Liebe schlug wieder zu.
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Das
ferne Jamaika Jamaika
rückte gefühlsmäßig wieder näher und sie fuhr zu einer bekannten
Menschenrechtsorganisation nach München. „Dort begriff ich sehr
schnell, dass nicht alles so ist wie im Fernsehen und der Kommerz die
Oberhand hat.“ Unerwünscht und enttäuscht zog sie von dannen, um
nunmehr von Sozialhilfe zu leben: „Jeden Tag musste ich aufs Amt, um
mir zehn Mark abzuholen. Es war entwürdigend. Ich hatte manchmal nicht
das Futtergeld für den Hund. Mir war klar, so kommst du nie nach
Jamaika. Ich wollte weg von Lindau, aus dieser Bilderbuchlandschaft, die
nur für reiche Leute gut ist.“ Bettelarm fuhr sie nach Berlin und kam
gerade richtig zum Mauerfall. „Die Freudentränen liefen mir nur so übers
Gesicht, obwohl ich wusste, jetzt werden auch alle anderen diese
,Westscheiße' erleben.“ Sabine Kauker zog es zurück nach Berlin und
immer öfter umkreiste sie ihr inzwischen wieder leerstehendes Haus in
Paretz. „Verkaufe das Haus, dann kannst du nach Jamaika“, war der
Tipp angeblicher Freunde. „Und vertrauensselig wie ich war, gab ich
ihnen die Generalvollmacht, den Verkauf für mich zu erledigen. Doch sie
haben mich bewusst verschuldet, so dass ich in ihren Fängen war.“
Durch die Hilfe eines Rechtsanwalts wurde sie diese „Westhaie“
wieder los, aber auch die zum Haus gehörige Scheune. „In dieser Zeit
verschwimmt sehr viel in meiner Erinnerung, aber ich weiß noch genau,
wie ich nach Paretz rausfuhr und mir Tausende goldener Äpfel
entgegenstrahlten. Ich begann wie wild, die Äpfel zu pflücken und
merkte wieder, dass ich lebe. Bis zum Mondschein saß ich als
,Waldfee’ zwischen den Bäumen. Ich stellte mich mit den Körben an
die Straße und verkaufte, was ich konnte. Nachts trug ich Zeitungen
aus. Und irgendwie hatte ich auf einmal wieder Geld. Eine Freundin in
Zehlendorf überließ mir ihren Marktstand und fortan war ich die
,Havelbiene'. Mein Geschäftssinn war geweckt, meine Kräfte wuchsen.
Und schließlich hatte ich auch das Geld für einen Flug nach Jamaika
zusammen. Dort lernte ich das tiefste Elend kennen. Dennoch hätte ich
dort leben können. Doch ich hatte auch die Warnung einer Bekannten im
Ohr: ,Hier sind sie nur solange gut, wie sie etwas Geld in den Taschen
haben. Ohne Geld steigt man über sie hinweg'. Dennoch wollte ich dort
bleiben." Sie fuhr nach Hause, um ihre Papiere zu ordnen. Doch
als sie nachts nach Paretz in ihr Haus zurück kehrte und bei leisem
Regen unter der großen 180-jährigen Linde stand, wusste sie auf einmal
sehr sicher: „Hier ist mein Platz. Das Haus hat sich für mich
aufgehoben.“ Fortan lebte sie von ihren Hoferträgen und war nicht nur
in Zehlendorf bekannt, sondern auch auf dem Weihnachtsmarkt am
Ku’damm. „Ein raues, aber freudvolles Leben, bis ab 1995 der Umsatz
immer schwächer wurde. Erfreulicherweise floss jetzt staatliches Geld
als seelische Wiedergutmachung für die Zeit im Gefängnis in meine
Kasse. Dafür habe ich mir Engelsfiguren gekauft, um mein Haus in ein
italienisches Ambiente zu tauchen.“ Und sie kaufte sich auch ihre
ersten 29 Rosenstöcke, die sie allesamt von einem Rollwagen bei
Pflanzenkölle „abräumte“. Ein kleines Sanssouci schwebte ihr in
der Fantasie vor: mit Festtafel und Heckentheater, aus dem die Elfen
nachts hervor schweben. Ab
und an öffnete sie ihr Haus für Hochzeitsfeste oder Konfirmationen von
Freunden. „Und dann kam ein Arzt auf mich zu, den ich vom Markt
kannte, der seinen Geburtstag mit einem kleinem Konzert bei mir feiern
wollte.“ Das war am 10. September 1998: die Geburtsstunde des
Freundeskreises der Rosenvilla Gloria zu Paretz. Ihre Marktschürze
hatte sie inzwischen von einem Tag auf den anderen abgelegt. Ein Jahr
darauf wurde Sabine Kauker 60 Jahre. „Es sollte kein Tag wie jeder
andere sein. Und so lud ich Freunde aus allen Landesteilen ein, die mich
über die verschiedenen Zeiten begleitet hatten. Das Haus war eiskalt,
nur im Kamin brannte Feuer, aber es war wunderschön.“ Auf dieser Woge
der Freude druckte sie ihren ersten Paretzer Rosenkalender:
Kulturveranstaltungen, garniert mit einem schönen Essen. Osterfeuer, Frühlingskonzert,
Rosenfest, Weinfest, Adventsmusik, Zigeunerabend : Sabine Kauker
startete noch mal richtig durch. Sie richtete ihr Kellergewölbe für Käseverkostungen
ein, gestaltete mit künstlerisch-verspielter Hand ihre Salons. Die glänzenden
Stoffe, mit denen sie Stühle, Leuchter und Tische drapierte, stammten
von ihrem Weihnachtsmarktstand. Und da sie früher auch für das Theater
der Freundschaft Bühnenbilder und Kostüme entworfen hatte, konnte sie
auf viele kreative Erfahrungen zurück greifen. „Immer
wenn eine Mark übrig war, kaufte ich Geschirr.“ Auch die Freunde
brachten Geschenke mit, so dass sie mit ihrem Hausrat inzwischen große
Feiern ausrichten kann. „Das Kochen für große Runden habe ich ja im
Knast gelernt.“ Und noch ein Jugendtraum konnte sie sich jetzt erfüllen:
das Tanzen. „Als sich beim Zigeunerfest keiner traute, zu der feurigen
Musik zu tanzen, zog ich mir mein schönsten Schwarzseidenes über, und
,fegte’ durch den Saal.“ Seitdem tanzt sie immer mal wieder für
ihre Gäste. Verästelt
wie ein Baum Die
Malerei ist erstmal in den Hintergrund getreten, „es fehlt die Zeit
und auch das Geld für Material.“ Aber auch das werde sich wieder ändern,
ist sich Sabine Kauker sicher. Doch sie hält an der Lebensweisheit
ihrer Mutter fest: „Nimm, was du hast, und sei damit glücklich.“
Natürlich gilt es auch immer wieder, Schicksalsschläge wegzustecken,
„so als jetzt der Tornado in meine Linde einschlug und zwei Drittel
der Krone ausbrach. Aber dank gutherziger Menschen werde ich sicher bald
genug Geld in der Spendenbox zusammen haben, dass der Gärtner sie
wieder richten kann.“ Auch Sabine Kauker fühlt sich wie ein Baum, der
sich immer mehr verästelt und seine Zweige in viele Richtungen
ausstreckt. Jetzt ist sie Empfangsdame, Hausdiener, Pförtner, Gärtner
– und vor allem ein starker Mensch, der sich auch von bröckelndem
Putz, Mauerrissen und unerledigten Rechnungen nicht einschüchtern lässt.
Sie fühlt um sich den Zuspruch der Freunde und erwidert ihn mit
gleicher Intensität. Ist ein Fest gefeiert, die Musik verstummt, sind die Teller leergegessen und die letzten Freunde gegangen, lehnt sich Sabine Kauker auf den Gartenstuhl in ihrem blühenden Rosenparadies zürück. „Erholung finde ich beim Sonnenuntergang. Dann sitze ich mit einem Glas Rotwein und schaue meiner Schleiereule zu, wie sie ihre Jungen füttert. Paretz ist mir zugewachsen.“
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